Ardalion Iwanowitsch Sjukin

03.​09.​2025

Im lesenswerten Buch der Rehfelder Geschichtswerkstatt „Auf dem Weg nach Berlin“ werden die opferreichen letzten Tage des 2. Weltkrieges in Europa beschrieben. Auf der Seite 61 kann man lesen, wie am 20.April 1945, dem Beginn des Sturms auf Berlin, die Fernartillerie um 11.30 Uhr das Feuer eröffnete. Die erste Salve  erfolgte durch die  1.Abteilung der 30. Garde-Kanonen-Artillerie-Brigade auf Befehl des Kommandeurs Major Sjukin.

16 Jahre später habe ich von Oberst Sjukin den Bericht über seinen Weg nach Berlin gehört. Er war einer unserer Lehrer auf der Militäringenieur-Akademie in Charkow.   Viele seiner Mitstreiter haben den Sieg über den Faschismus nicht mehr erleben können.

Ardalion Iwanowitsch Sjukin wurde 1919 in Charkow geboren. Nach der 7-Klassenschule besuchte er eine  Artillerie-Spezialschule und bis 1941  die   Leningrader Artillerieoffiziersschule. Der Einsatz und die Teilnahme am verlustreichen Rückzug erfolgten an der Südwestfront in einer 152mm-Haubitzen-Einheit als Aufklärungszugführer. Als die Einheit nach der Bombardierung in Charkow neue Geschütze erhielt, fehlten ihr dafür die Zugmittel.  Ltn.  Sjukin gelang es, zwei Traktoren aus dem Traktorenwerk zu organisieren. Es erfolgten im Wechsel Rückzug-Angriffe-Rückzug. Während einer Erkrankung gelang es ihm, am Sewerski Donez in letzter Minute und mit 40-Grad Fieber den Deutschen zu entkommen. Ohne Dokumente musste er vor der Sonderabteilung für Spionageabwehr Rede und Antwort stehen. Erst die Aussage seines Arztes bestätigte die Richtigkeit seiner Aussage. 1942 kam er in Stalingrad als Kommandeur einer Batterie im Bestand der 62. Armee Tschuikows zum Einsatz, deren Ausrüstung aus zwei Geschützen Baujahr 1902 aus dem Museum und 500 Schuss bestand. Während die Geschütze am Ostufer der Wolga positioniert wurden, verblieb er als Feuerleitoffizier am Westufer des Flusses und zog immer wieder das Feuer deutscher Granatwerfer auf sich und wurde mehrfach verletzt. Nach der Übernahme neuer Geschütze 1943/44 kam er bei Staraja Russa und in Bjelorussland zum Einsatz. Nach der Operation „Bagration“ zählte seine Artillerieabteilung zu den ersten, die in Warschau, in Stettin und im Küstriner Brückenkopf kämpften. Beim Sturm auf die Seelower Höhen folgte hinter den Vorausabteilungen auch die Fernartillerie. Sjukins Abteilung aber befand sich plötzlich vor den eigenen Truppen. In Beiersdorf wurden 12 Geschütze in Stellung gebracht.

Die Soldaten versahen die 50kg-Granaten mit der Aufschrift „Von den Stalingrader Gardesoldaten – an Hitler persönlich“. Sie sollten die Reichskanzlei treffen.

Am  7.Mai 1945 steht Sjukins Abteilung an der Elbe.

 

Mein Schwiegervater berichtete mir, dass er 1942 als deutscher Panzersoldat auf der anderen Seite in Stalingrad kämpfte und dort die Wolga sah. Mein Vater war Anfang 1944 im „Kessel von Tscherkassy“ am Dnjepr dann in Bjelorussland, wo er in Gefangenschaft geriet. Im Juli 1944 gehörte er zu den Teilnehmern des Marsches deutscher kriegsgefangener Soldaten, Offiziere und Generale durch Moskau. 

Diese Ereignisse vor Augen und die aktuellen russophoben Aussagen des deutschen Bundeskanzlers in den Ohren fiel mir das Vermächtnis Oberst Sjukins wieder ein: „Ihr habt keine Schuld, aber Verantwortung, dass es sich nicht wiederholt!“

 

Eckart Schlenker

 

Bild zur Meldung: Ardalion Iwanowitsch Sjukin