Unser Enkel besucht in Berlin das Anne-Frank-Gymnasium. Erst kürzlich fragte er mich als Historikerin, ob ich Näheres über den Tod der Namensgeberin seiner Schule wüsste.
Das Schicksal von Anne Frank und ihrer jüdischen Familie ist bekannt. Ihr im Amsterdamer Versteck seit 1942 geschriebenes Tagebuch, da war sie 13 Jahre alt, ist ein einmaliges historisches Dokument, das die Verfolgungsgeschichte der Juden darstellt und gerade für Jugendliche eine unverzichtbare Lektüre sein sollte.
Nachdem der Zufluchtsort im August 1944 verraten worden war, deportierte die SS die vier Familienmitglieder erst in das Lager Westerbork, dann in das Konzentrationslager Auschwitz. Anne und ihre Schwester Margot wurden von den Eltern getrennt und in das KZ Bergen-Belsen bei Celle verschleppt. Die Geschwister erlebten die Befreiung des Lagers am 15. April 1945 nicht.
Eine Augenzeugin und Mithäftling, Rebekka Rebling, Künstlername Lin Jaldati, geboren 1912, berichtete im Mai 1963 in Vorbereitung des Globke-Prozesses, der am 8. Juli 1963 in Ost-Berlin stattfand, über die letzten Stunden der beiden Mädchen (s. Erika Schwarz: Juden im Zeugenstand. Die Spur des Hans Globke im Gedächtnis von Überlebenden der Schoa. Berlin 2009, S. 244ff.):
„Nicht möglich war es, Margot und Anne Frank zu retten. Zuerst erkrankte Margot an Flecktyphus. Sie begann, bei hohem Fieber zu phantasieren, schleppte sich noch einige Tage hin und verstarb dann. Das war für uns alle besonders schrecklich. Margot war ein herrlicher tapferer Mensch. Anne Frank war über den Tod ihrer geliebten Schwester in größte Verzweiflung geraten. Wir versuchten, sie aufzumuntern und kümmerten uns besonders um sie. Auch Anne Frank war ein talentiertes und gutes Mädchen. Hunger und Fleckfieber jedoch, hervorgerufen durch die SS-Banditen in Menschengestalt, löschten auch diesem jungen Mädchen das Leben aus. Anne lag in den letzten Stunden neben ihrer toten Schwester Mit diesen beiden Mädchen starb gleichzeitig die 16jährige Sonja van Amstel, die Tochter einer Amsterdamer Bildhauerin. Sie alle starben als junge, unschuldige Opfer jener Rassengesetze der Nazidiktatur. Dieses Mädchen haben wir dann in eine Decke gehüllt, in eine große Grube getragen und beerdigt. Ich erkrankte selbst an Fleckfieber und begann schon zu phantasieren. Zuletzt, d.h. unmittelbar vor unserer Befreiung, erkrankte auch noch meine Schwester. Wären die Engländer nur einen Tag später nach Bergen-Belsen gekommen, glaube ich kaum, dass ich dann noch am Leben gewesen wäre. Die Engländer kamen zuerst vor unser Lager und verschwanden jedoch wieder. Als sie erneut zu unserem Lager kamen, trugen sie Schutzanzüge und führten Planierraupen mit. Diese Planierraupen mussten zuerst die Leichenberge wegräumen und den Weg frei machen für das Betreten des Lagergeländes. Erst nach diesen Maßnahmen konnten wir behandelt werden. Die letzten Tage erlebte ich mehr im Unterbewusstsein, hervorgerufen durch das Fleckfieber. Nähere Einzelheiten, die ich zuletzt geschildert habe, erfuhr ich von meiner Schwester. Damals glaubte ich immer, dass die Männer in den Schutzanzügen Teufel seien, die mich in einer Pfanne braten. Tatsächlich ist, dass die Engländer unsere Tragbare, auf denen wir lagen, laufend von unten anwärmten, um uns so zu helfen. Allmählich bekam ich, zuerst künstlich, dann auf normale Art stärkende Lebensmittel zugeführt und wurde so gerettet. Ich möchte (...) erwähnen, dass ich bei meiner Befreiung noch 28 kg wog.“
Mit diesem Rückblick gedenken wir Anne und Margot Frank stellvertretend für alle Opfer des mörderischen faschistischen Regimes.
Dr. Erika Schwarz