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News-Ticker

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100 Jahre Völkerbund

07.​09.​2026

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte es zu den wichtigsten außenpolitischen Zielen deutscher Regierungen gehört, in den im Januar 1920 neu gegründeten Völkerbund aufgenommen zu werden. Laut dessen Gründungsdokumenten sollten die beteiligten Länder »gemeinsam« die Mittel zum Schutz ihrer Völker vor der Geißel des Krieges suchen und für die »friedliche Regelung von Streitigkeiten jeglicher Art« sorgen. Das große Interesse sowohl der Gewinner als auch der Verlierer des Weltkrieges demonstrierte, wie stark sich das Denken und Hoffen der Menschen in aller Welt an dem Appell »Nie wieder Krieg!« ausrichtete.

Nach langem Zögern beschloss die Völkerbundversammlung am 8. September 1926, Deutschland sowohl in ihre Reihen aufzunehmen als auch den verlangten Sitz im führenden Rat zu gewähren.

Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit und nicht zuletzt Stresemanns Politik des »Finassierens«, also des taktischen Kalküls und des Versuches, Gegensätze zwischen den Mächten in West und Ost auszunutzen, hatten sich ausgezahlt. Für Deutschland schien damit die enge Bindung des Völkerbundes an das als schändlich betrachtete Friedensvertragswerk von Versailles aufgelöst und ein wichtiger Schritt hin zum generellen Ziel – Revision der Nachkriegsordnung samt Auflagen für das Deutsche Reich – erreicht. Tatsächlich ging nach 1926 nicht mehr viel Zeit ins Land, bis sich alle wohlklingenden Friedensversprechungen als hohl erwiesen, bis man den Völkerbund vor allem für die eigene Wiederaufrüstung zu missbrauchen verstand.

Zweifellos konnte Mitte der 1920er Jahre eine Normalisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen in Europa erreicht werden. Dennoch war das Scheitern des Völkerbundes vorhersehbar. Anders als verkündet oder von vielen Pazifisten gedacht, verknüpften führende Politiker der Weimarer Republik den Beitritt zum Völkerbund mit dem nur langfristig erreichbaren Ziel einer grundlegenden Revision der Ergebnisse des Weltkrieges. Um dies gewährleisten zu können, folgten sie dem Motto, »halbe« Wahrheiten auszusprechen, aber ihre grundsätzlichen Anliegen zu verschweigen. Letztere lassen sich indessen vielen damals geheim gehaltenen Dokumenten entnehmen, so zum Beispiel dem berüchtigten Brief des Reichsaußenministers Gustav Stresemann an den Kronprinzen Wilhelm vom 7. September 1925: „Zu der Frage des Eintritts in den Völkerbund möchte ich folgendes bemerken: Die deutsche Außenpolitik hat nach meiner Auffassung für die nächste absehbare Zeit drei große Aufgaben

Einmal die Lösung der Reparationsfrage in einem für Deutschland erträglichen Sinne und die Sicherung des Friedens, die die Voraussetzung für eine Wiedererstarkung Deutschlands ist.

Zweitens rechne ich dazu den Schutz der Auslandsdeutschen, jener 10–12 Millionen Stammesgenossen, die jetzt unter fremdem Joch in fremden Ländern leben.

Die dritte große Aufgabe ist die Korrektur der Ostgrenzen: die Wiedergewinnung von Danzig, vom polnischen Korridor und eine Korrektur der Grenze in Oberschlesien. 

Im Hintergrund steht der Anschluss von Deutsch-Österreich (…)“

Deutlich wurde hier ausgesprochen, worum es den Herrschenden des Reiches tatsächlich ging: eine Revision des Versailler Vertrages und ein »Wiedererstarken Deutschlands«.

So blieben die wohlklingenden diplomatischen Phrasen größtenteils Lippenbekenntnisse. Sie entsprachen weder den Verhältnissen noch den Taten deutscher Regierungen. In Deutschland wurde aufgerüstet – heimlich, aber auch offen, wie beispielsweise durch den Bau neuer Kriegsschiffe. Schon zwei Monate zuvor, am 4. Juli 1926, hatte Hitler in Weimar verkündet, für die NSDAP seien die Nachkriegsgrenzen ungültig, und alle Verträge, die Deutschland seither geschlossen habe, seien »null und nichtig« und nichts anderes als »Papierfetzen, die einmal zerfetzt werden müssen«. Am 14. Oktober 1933 wurde die deutsche Mitgliedschaft im Völkerbund aufgekündigt und damit das Ende multilateraler Bemühungen um Sicherheit und Frieden sowie jener teils durchaus hehren Absichten seiner Gründer besiegelt.

 

Mit freundlicher Genehmigung. Auszüge aus Manfred Weißbecker: Diplomatischer Deckmantel. In Junge Welt vom 5. September 2026, S. 15.

 

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Aber man braucht es gar nicht im Kopf zu behalten, man kann es aus dem Herzen schöpfen.“

(Carl Spitteler, 1845 – 1924, Schweizer Dichter, Nobelpreisträger für Literatur 1919)

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