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Nachlese „Unternehmen Barbarossa“ – eine mahnende Lehre

22.​06.​2026

Am 22. Juni 1941 überfiel Hitlerdeutschland ohne Kriegserklärung die UdSSR, nachdem es im Verlaufe der zurückliegenden 22 Monate bereits erhebliche Teile Europas erobert hatte und sich nunmehr stark genug fühlte, den Jahre zuvor herbeibeschworenen Feldzug gegen den „jüdischen Bolschewismus“ zu beginnen. Verlogen stellte Hitler den Angriff gegenüber der Öffentlichkeit im Ausland und der deutschen Bevölkerung als unvermeidbar gewordenen Präventivschlag dar und bezichtigte die Sowjetunion des Verrats und des Bruchs geltender Verträge, indem sie angeblich mit ihren gesamten Streitkräften dem nationalsozialistischen Deutschland in den Rücken fallen wollte. Auch die „Strausberger Zeitung“ übernahm Hitlers Aufruf an das deutsche Volk und titelte am darauffolgenden Tag: „Abrechnung mit Moskaus Verrat“.

Zahlreiche Dokumente sowie die Forschungsergebnisse von Historikern in Ost und West belegen das Streben deutscher Faschisten, ihre Weltmachtträume zu erreichen. Darauf ist in letzter Zeit abermals zu verweisen, da vielfach versucht wird, den Charakter dieses Krieges sowie den 8. Mai 1945 neu zu bewerten. 

Allbekannt ist, wie intensiv der „Feldzug im Osten“ vorbereitet und wozu er entfesselt wurde. Bereits vier Tage nach der Machtübertragung an Adolf Hitler erklärte dieser in einer geheimen Zusammenkunft mit Befehlshabern von Reichswehr und Reichsmarine knapp, aber eindeutig, es gehe um die „Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung.“ Dann folgten konkrete Pläne: In der „Barbarossa“-Weisung Nr. 21 vom Dezember 1940 hieß es, die Wehrmacht müsse „darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen.“ Am 16. Juli 1941 sprach Hitler von der Absicht, den „riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können“. Im Kampf gegen die UdSSR handele es sich, wie Joseph Goebbels im Sommer 1942 schrieb, um einen „Krieg für Getreide und Brot, für einen vollgedeckten Frühstücks-, Mittags- und Abendtisch, (...) um Gummi, um Eisen und Erze“. Insbesondere der „Generalplan Ost“ ließ die monströsen und verbrecherischen Ziele erkennen. In der Fassung vom September 1942, benannt auch als „Generalsiedlungsplan“, war vorgesehen, dass rund zwölf Millionen Deutsche, sogenannte „Volksdeutsche“, und einige „skandinavische Arier“ in einem 330.000 Quadratkilometer umfassenden Areal mit 360.100 landwirtschaftlichen Gütern in den eroberten sowjetischen Gebieten angesiedelt werden. Ein „Großgermanisches Reich Deutscher Nation“ sollte von der Atlantikküste bis zum Ural geschaffen und „germanisiert“ werden. Die „Eindeutschung“ von Slawen war als unmöglich definiert, andere Menschen als „nicht lebenswert“ eingestuft. Der „Hungerplan“ vom Mai 1941 ließ die ungeheuerliche Absicht der Faschisten erkennen, im Kontext der Eroberung von „Lebensraum“ in der UdSSR und deren Ausbeutung „zig Millionen Menschen verhungern“ zu lassen. 

Alles in allem: Am 22. Juni 1941 begann ein Vernichtungskrieg sondergleichen. In ihm verbanden sich eng miteinander wirtschaftliches und geopolitisches Kalkül sowie rassistisch-antisemitischer Wahn, verwirklicht auch in der geschichtlich einmaligen Schoah.

Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein Genozid. Das Ausmaß der Verluste und Zerstörungen in all seinen Details zu beziffern ist nicht möglich. Unbestritten aber ist, dass die UdSSR die Hauptlast des Krieges trug und den Sieg über den Faschismus zu einem unglaublich hohen Preis errang: Fast 27 Millionen Bürger und Bürgerinnen des Landes verloren ihr Leben, davon 15,2 Millionen zivile Verluste durch Ermordung, Zwangsarbeit, Hunger, Krankheiten und 11,4 Millionen Soldaten durch Kämpfe, Tod nach Verwundung und in Gefangenschaft. Die Aufwendungen der Sowjetunion allein für militärische Zwecke im Zweiten Weltkrieg beliefen sich umgerechnet auf 128 Mrd. US-Dollar. Hinzu kamen die durch das Deutsche Reich im Zeitraum 1941 bis 1944 aus den besetzten sowjetischen Gebieten geraubten Güter wie 9,293 Mio. t Getreide, 3,282 Mio. t Kartoffeln, 2,508 Mio. t Heu, 0,581 Mio. t Fleisch, 0,62 Mio. t Fett, 0,503 Mio. t Obst und Gemüse, 0,401 Mio. t Zucker. Das Gleiche trifft auf die hunderttausenden Tonnen von geraubtem Eisenerz, Schwefelkies, Rohstahl und Steinkohle zu. Hinzu zu rechnen sind die Plünderungen durch die Wehrmachtseinheiten, die zu Tausenden die Nahrungsgüter des Landes aufbrauchten, sowie die Ausbeutung von mehr als 3 Mio. sowjetischer Menschen, die als Zwangsarbeiter für Deutschland schuften mussten. 1945 lagen in der Sowjetunion 1.710 sowjetische Städte und etwa 70.000 Dörfer in Schutt und Asche. 

Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein deutscher. Seit 1942 versuchten die deutschen Faschisten, ihn aber auch als einen europäischen zu führen. Zunehmend, teils sogar gegen Hitlers Willen, wurden Truppen der „Verbündeten“ eingesetzt. Vom Umfang künden die Zahlen: Auf sowjetischem Boden marschierten 600.000 ungarische, 500.000 finnische, 680.000 rumänische, 230.000 italienische, 146.000 kroatische und 45.000 slowakische Soldaten. Darüber hinaus beteiligten sich „Freiwillige“: 47.000 Spanier, 40.000 Holländer, 38.000 Belgier, 20.000 Polen, 10.000 Franzosen, 1.900 Norweger, 8.000 Dänen sowie kleinere Gruppen von Schweden, Portugiesen und Schweizern. In der Summe bedeutet das: Jeder dritte Uniformträger auf deutscher Seite war ein Ausländer.

Wir wissen seit dem 8. Mai 1945: Die deutschen Aggressoren scheiterten trotz europäischer Beihilfe ebenso gründlich wie Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhundert und wie die deutschen Militärs, die bereits im Ersten Weltkrieg ein „Deutsches Ost-Reich“ schaffen wollten. 

Ihrer auf Großmacht- und Profitsucht beruhenden Schreckensbilanz sind nach heutigem verbrieften Wissen auch die 102 jungen Männer aus Rehfelde, Werder und Zinndorf hinzuzuzählen, die allein an der Ostfront ihr Leben lassen mussten. Mit Blick auf die Gegenwart ist mit Nachdruck auch daran zu erinnern.

 

Dr. Erika und Gerhard Schwarz

 

Weitere Ausführungen zur Thematik in der Publikation der Autoren: „Auf dem Weg nach Berlin. Kriegstagebücher der Roten Armee berichten. Tagesetappe Rehfelde, Werder, Zinndorf.“ Hentrich&Hentrich Leipzig 2021.

 

 

Abb. Aus „Kalender für den Kreis Niederbarnim 1942“, S. 49.

 

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